
Venezuela mit dem eigenen Auto zu bereisen ist kein klassischer Roadtrip. Es ist ein Abenteuer, das Vorbereitung, Flexibilität und Offenheit verlangt. Wir waren von November 2024 bis Februar 2025 mit unserem VW T5 in Venezuela unterwegs. Der Alltag auf der Strasse war geprägt von zahlreichen Checkpoints, an denen man immer wieder kontrolliert wurde. Eine der grössten Herausforderungen war jedoch die Versorgung mit Diesel. Treibstoff ist in weiten Teilen des Landes knapp, und es war oft ungewiss, wann und wo wir wieder tanken konnten.
In diesem Artikel teilen wir unsere Erfahrungen, praktische Tipps und wichtige Hinweise für alle, die mit dem eigenen Fahrzeug nach Venezuela aufbrechen möchten.
Bevor wir beginnen, müssen wir kurz innehalten
Wenn wir von magischen Momenten berichten, tun wir das nicht, um die Lage im Land zu beschönigen oder jemanden leichtfertig dazu zu verleiten, uns einfach nachzufahren. Die Realität ist klar: Venezuela taucht in internationalen Statistiken regelmässig als eines der gefährlichsten Reiseländer der Welt auf. Kriminalität und politische Instabilität sind kein Medienmythos – sie sind der Alltag vieler Menschen vor Ort.
Warum sind wir trotzdem gefahren?
Weil wir von erfahrenen Overlandern aus erster Hand gehört hatten, wie es wirklich ist. Weil wir uns keine Meinung aus Schlagzeilen zusammenbauen wollten, die oft nur die Extreme zeigen. Wir wollten selbst sehen. Ein Venezuela jenseits der Nachrichten. Wir möchten dieses Bild teilen. Nicht als Empfehlung, sondern als ehrlicher Erfahrungsbericht. Denn am Ende ist jeder Reisende selbst verantwortlich. Die Entscheidung, die Grenze zu überqueren, kann dir niemand abnehmen – und niemand sollte das versuchen. Wer geht, sollte es mit offenen Augen, echtem Respekt und sehr guter Vorbereitung tun.

Lage & Klima
Venezuela liegt im Norden Südamerikas und vereint auf vergleichsweise kleinem Raum Karibikstrände, Anden, Regenwald und endlose Savannen.
Karibikküste:
ganzjährig warm, oft windig und hohe Luftfeuchtigkeit
Gran Sabana:
heiss am Tag, nachts angenehm kühl
Anden:
deutlich kühler, nachts teils unter 10 Grad
Regenzeit:
meist von Mai bis Oktober
Für Overlander gilt: Kleidung für Hitze und Kälte einpacken – und immer wetterbedingt flexibel bleiben.

Grenzübergänge
Für den Landweg nach Venezuela gibt es im Wesentlichen drei strategische Einreisetore:
Die Karibik-Route (Nord):
Über Paraguachón (zwischen Maicao, Kolumbien und Maracaibo, Venezuela). Dies ist die bevorzugte Route, wenn man von der kolumbianischen Nordküste kommt. Die Strecke führt durch trockenes Buschland und ist für Overlander oft die erste Wahl, um direkt in den Nordwesten zu gelangen.

Die Anden-Route (West):
Über San Cristobal/Cúcuta. Dies ist der am stärksten frequentierte Übergang.
Die Amazonas-Route (Süd):
Von Brasilien über Pacaraima/Santa Elena de Uairén. Wer zuvor die Guyanas bereist hat, muss aufgrund der fehlenden Strassenverbindungen zwischen Guyana und Venezuelas und des dichten Dschungels den Umweg über das brasilianische Boa Vista nehmen, um schliesslich über die BR-174 in den venezolanischen Gran Sabana einzureisen.

Wir sind aus Guyana (also über die Amazonas-Route) über das brasilianische Boa Vista nach Venezuela eingereist. Dies war ein entspannter Grenzübergang. Ausgereist sind wir in San Cristoba nach Cúcuta. Da sich in der Region auf der Kolumbianischen Seite die Guerillas (ELN und die FARC) bekämpfen, haben wir den Rat der Grenzbeamten befolgt und sind auf der Hauptachse bei Tageslicht direkt Richtung Bucaramanga gefahren. Uns wurde empfohlen, die Hauptachse nicht zu verlassen.

Reisepass und Imfpungen
Die Einreise mit dem eigenen Fahrzeug war einfach aber es erforderte Geduld, denn wir hatten gerade die Mittagspause erwischt. Also mussten wir zwei Stunden auf das TIP warten. Für Schweizer und EU-Bürger gilt: der Reisepass muss mindestens 6 Monate gültig sein. Ein Visum wird für die 90 Tage die man erhält nicht benötigt. Bei der Einreise mussten wir Kopien der Fahrzeugdokumente und des Passes abgeben. Ein Impfnachweis für die Gelbfieberimpfung wurde nicht verlangt.

Fahrzeugdokumente
Für das Fahrzeug erhält man - wie in allen anderen Ländern in Südamerika - ein TIP (Documento de Admisión Temporal).
Anders als in den übrigen Ländern in Südamerika erhält der Fahrzeugbesitzer einen zusätzlichen Stempel im Pass für das Fahrzeug. Somit kann er das Land ohne Fahrzeug nicht verlassen.
Achtet darauf, dass alle Angaben auf dem Dokument korrekt sind. Fehler führen später bei Polizeikontrollen zu unnötigen Diskussionen.

Versicherung
Eine lokale Haftpflichtversicherung ist Pflicht. Bei der Einreise am Zoll mussten wir diese vorweisen. Wir haben die Versicherung vor der Einreise online bei Hektor abgeschlossen – Bezahlung via PayPal in US-Dollar. Wir haben aber gelesen, dass der Kontakt von Hektor nicht mehr aktuell ist. Am besten in der Venezuela WhatsApp-Gruppe nachfragen oder in iOverlander prüfen, wo man vorgängig eine Versicherung abschliessen kann.

Strassenzustände
Die Strassenzustände sind sehr unterschiedlich. Manchmal tiefe Schlaglöcher, Tiere oder Fussgänger auf der Fahrbahn. Aber es gibt auch gute Abschnitte. Erstaunlich viele Strassen sind geteert, mit mehr oder weniger Löchern. Aber die Strassen sind nicht schlimmer als in anderen Ländern Südamerikas. Man sieht, dass die Strassen in Venezuela früher gut waren. Durch das fehlende Geld wurde aber in den letzten Jahren nicht mehr in die Infrastruktur investiert was deutlich zu sehen ist. Nachtfahrten sind aus Sicherheitsgründen unbedingt zu vermeiden.

Alcabalas (Strassenkontrollpunkte)
Das sind die venezolanischen Strassenkontrollpunkte von der Polizei oder der Nationalgarde. Ja, es gibt viele davon, und sie sind durchaus gewöhnungsbedürftig. Gefühlt tauchen sie manchmal alle paar Kilometer auf. Dabei werden die Dokumente geprüft und oft Fotos gemacht. Gelegentlich werden diese zur Überprüfung an die Zentrale nach Caracas geschickt, woraufhin man auf die Weiterfahrt-Erlaubnis warten muss. Das kann manchmal dauern...

Dennoch: Unsere Erfahrungen waren durchwegs positiv. Die Kontrollen verliefen stets freundlich, und die Beamten waren eher neugierig als misstrauisch. Wir haben uns immer in Spanisch mit ihnen unterhalten und ein wenig Small Talk gehalten – damit sind wir sehr gut gefahren und die Atmosphäre war direkt entspannter.
Immer schön freundlich und geduldig bleiben!

Diesel
Auf dem Papier ist Diesel in Venezuela fast gratis. Mit Preisen von wenigen Rappen pro Liter gehört er zu den günstigsten der Welt. In der Realität sieht es allerdings anders aus. Es gibt nicht den einen Preis, sondern mehrere Systeme gleichzeitig. Einheimische tanken oft zu stark subventionierten Preisen, an gewissen Tagen sogar gratis. Wir hatten Glück und haben auch mal so einen Tag erwischt. An Weihnachten meinte der Tankwart zu uns: heute ist der Diesel gratis. Normalerweise sind die Preise für Ausländer deutlich höher, aber immer noch sehr günstig (+/- 0.50 Euro/Liter). Das grösste Problem ist jedoch nicht der Preis, sondern die Verfügbarkeit.

Diesel zu finden ist nicht selbstverständlich. Immer wieder bilden sich lange Warteschlangen und die Einheimischen übernachten sogar vor der Tankstelle. Lange Warteschlangen an Tankstellen sind vor allem im Osten des Landes keine Seltenheit. Wir haben immer zuvorderst beim Tankwart nachgefragt, ob Diesel überhaupt vorhanden ist und ob wir als Ausländer tanken dürfen. Meistens konnten wir die Warteschlange umgehen und wurden direkt bedient. Oder wir wurden auf den nächsten Tag vertröstet wenn kein Diesel vorhanden war. Schlussendlich hat es immer irgendwie geklappt.

Für uns bedeutete das aber: nie mit halb leerem Tank fahren, jede Gelegenheit nutzen und immer einen kleinen Puffer einplanen. Reservekanister noch in Brasilien füllen – ab der Grenze bis nach Puerto Ordaz gibt es keine Tankstellen.
In Venezuelas selber dürfen die Reservekanister dann aber leider nicht aufgefüllt werden.

Devisen
Die einheimische Währung, der Bolívar, verliert rasant an Wert. Fast alles wird bar in US-Dollar bezahlt, während Kartenzahlung praktisch unmöglich ist. Es ist ratsam, immer genügend kleine Scheine dabei zu haben. D.h. 1-, 5- und 10-Dollar-Noten sind Gold wert. Wechselgeld ist im ganzen Land extrem knapp. An der Grenze zu Brasilien ist es sogar möglich, mit Reales zu bezahlen Das wenige Bolívar-Wechselgeld, das wir gelegentlich erhielten, haben wir praktisch sofort für Autobahngebühren genutzt denn diese müssen in bar in Bolívars entrichtet werden.

Einkaufen
In grösseren Städten findet man eine gute Auswahl an Lebensmitteln, Supermärkten und Märkten – auf dem Land ist das Sortiment eingeschränkter, aber frisches Obst, Gemüse und Grundnahrungsmittel sind fast immer verfügbar. Auf dem lokalen Märkten sind Produkte oft günstiger als in den Supermärkten. Lokale Waren wie Obst, Gemüse, Eier oder Milchprodukte sind preiswert, während importierte Produkte deutlich teurer sind. Anders als noch vor einigen Jahren herrscht heute kein genereller Mangel an Lebensmitteln mehr.

Wasser
Trinkwasser ist in Venezuela nicht überall zuverlässig verfügbar, daher haben wir das Wasser – wie überall in Südamerika – immer gefiltert oder abgekocht.
Glücklicherweise gibt es viele Möglichkeiten, Wasser nachzufüllen: Hotels, Tankstellen, Privathäuser oder Dorfwasserreservoirs sind oft zugänglich. Dabei hilft ein freundliches Nachfragen immer – die Leute sind in der Regel hilfsbereit und freuen sich, Reisenden auszuhelfen.

Wäsche waschen
Waschsalons sind in Venezuela kaum zu finden, besonders auserhalb der grösseren Städte. Hotels und Campingplätze bieten häufig gegen Bezahlung einen Waschservice an.
Natürlich bleibt auch Handwäsche jederzeit eine einfache Lösung

Duschen & Hygiene
Da wir meistens auf Hotelparkplätzen, Posadas oder vereinzelt Campingplätzen übernachteten, haben wir auch gleich dort geducht. Beim wild campen in der Gran Sabana haben wir unsere Outdoordusche verwendet. Entlang der Küste findet man gelegentlich auch einfache Strandduschen, die zumindest für eine schnelle Erfrischung sorgen. Warmwasser darf man dabei allerdings nicht erwarten.

Internet und Strom
Eine lokale SIM-Karte ist sehr empfehlenswert. Es gibt in Venezuela drei Anbieter: Digitel, Movistar und Movilnet. In Städten ist das Netz überraschend gut, aber in der Gran Sabana oder den Anden ist man schnell ohne Empfang. Movilnet ist der staatliche Anbieter. Etwas günstiger, aber mit der schlechtesten Abdeckung.
Stromausfälle sind in Venezuela immer wieder möglich. Wer auf Strom angewiesen ist sollte die Batterien wenn immer möglich voll laden.

Die Menschen – das eigentliche Highlight
Das Herz Venezuelas sind seine Menschen. Offen, neugierig und hilfsbereit – und trotz der schwierigen Lage im Land tragen sie einen ungebrochenen Stolz in sich, der in jeder Begegnung spürbar wird. Immer wieder wurden wir eingeladen: zum Übernachten, zu gemeinsamen Mahlzeiten, zu Gesprächen über Politik, den Alltag und die Träume der Menschen. Diese Momente waren für uns das grösste Highlight der gesamten Reise. Wir fühlen uns von den Venezolanern sehr beschützt.

Es war nicht nur die Grosszügigkeit, die uns beeindruckt hat, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der sie gelebt wurde. Was wir gesehen haben, hat uns verändert. Eine Gastfreundschaft, die unsere Herzen tief berührt haben. Regionen, in denen wir uns sicherer gefühlt haben als in mancher europäischen Grossstadt. Menschen, die stolz auf ihr Land sind – und sich aufrichtig über jeden Reisenden freuen, der ihr wahres Gesicht sehen möchte.
Eine Form der Gastfreundschaft, die wir so intensiv noch nie erlebt haben.

Unsere wichtigsten Regeln in Venezuela:
- Keine Nachtfahrten
- Grossstädte meiden oder nur gezielt anfahren
- Keine Wertsachen sichtbar im Fahrzeug
- Übernachtungen bewusst wählen – bei Hotels oder Privatpersonen. Ausserhalb der Gran Sabana nicht wildcampen.
- Empfehlungen der Locals ernst nehmen und sich auf Einladungen einlassen
- An Kontrollposten freundlich und geduldig bleiben

Krise, Zahlen und Realität vor Ort
Mit rund 28 Millionen Einwohnern und einer jungen Bevölkerung gehört Venezuela zu den grösseren Ländern Südamerikas. Es ist ein Land der Gegensätze: Venezuela verfügt über die grössten bekannten Erdölreserven der Welt und steckt dennoch seit Jahren in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Die Ursachen dafür sind komplex. Die starke Abhängigkeit vom Öl, politische Instabilität und jahrelanges Missmanagement haben dazu geführt, dass die Wirtschaft massiv geschrumpft ist. Besonders einschneidend war die Zeit der Hyperinflation um 2018, als Preise innerhalb kürzester Zeit explodierten und Geld praktisch über Nacht an Wert verlor.
Auch heute ist die Lage angespannt. Die Inflation bleibt hoch, viele Menschen leben in Armut und Millionen haben das Land mittlerweile verlassen. Gleichzeitig funktioniert vieles im Alltag nur eingeschränkt. Stromausfälle sind an der Tagesordnung, fehlende Versorgung oder lange Wartezeiten gehören in vielen Regionen zur Realität.

Ist es sicher in Venezuela als Overlander?
Unsere ehrliche Antwort: Wir haben uns während der gesamten Reise nie unsicher gefühlt. Im Gegenteil – verglichen mit Kolumbien fühlten wir uns in Venezuela sogar geborgener und behüteter. Einen grossen Anteil daran hatte auch die Community, die wir jedem Reisenden ans Herz legen möchten: Es gibt sowohl eine englischsprachige als auch eine spanischsprachige WhatsApp-Gruppe sowie die Facebook Gruppe Overlanding & Travelers Venezuela, in der sich im Tourismus tätige Einheimische und Overlander zusammengefunden haben.

Diese Gruppen waren für uns Gold wert. Egal ob es darum ging, die nächste Dieseltankstelle zu finden, eine sichere Übernachtungsmöglichkeit zu recherchieren oder Hilfe bei einem Einladungsschreiben zu bekommen, welches manchmal für die Einreise benötigt wird. Hier fand sich immer jemand mit einer Antwort.
Fazit
Venezuela mit dem VW T5 zu bereisen war für uns die ultimative Lektion in Sachen Vertrauen und Anpassungsfähigkeit. Es gab Momente der Anspannung an den Checkpoints und (vor allem im Osten) die ständige Ungewissheit bei der Suche nach Diesel. Aber es gab eben vor allem diese anderen Momente: die Herzlichkeit und beschützende Art der Venezolaner.
Ist Venezuela ein Land für jeden? Definitiv nein. Die statistischen Gefahren sind real, und die logistischen Hürden können zermürbend sein. Man muss bereit sein, Komfortzonen zu verlassen, die hinter dem liegen, was man von anderen südamerikanischen Ländern kennt. Doch wer den Mut (und die nötige Vorsicht) aufbringt, wird mit
aussergewöhnlichen Landschaften, tiefer Gastfreundschaft und einer Reiseerfahrung belohnt, die lange nachwirkt. Wir bereuen keinen einzigen Kilometer unserer drei Monate im Land. Venezuela hat uns gezeigt, dass die Realität oft viel vielschichtiger ist, als es eine Schlagzeile in der Zeitung je vermitteln könnte. Ja, wir würden wieder nach Venezuela fahren.
Am Ende bleibt die Entscheidung bei jedem selbst. Wir hoffen, dass unsere Erfahrungen dir dabei helfen, dein eigenes Bild zu zeichnen – egal, ob du die Reise wagst oder Venezuela lieber aus der Ferne in dein Herz schliesst.
Möchtest Du noch weiter in Venezuela eintauchen?
>> hier geht's zu unserem Blog MIt unserem VW T5 nach Venezuela - unsere 10 schönsten Orte
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